‍Buchempfehlungen

‍neuer ‍und ‍antiquarischer ‍Bücher

‍Egon ‍Friedell ‍und ‍die ‍Wiener ‍Caféhaus-Literaten ‍vor ‍dem ‍Aus

‍Vortrag ‍im ‍Rahmen ‍der ‍Mahnveranstaltung ‍zum ‍85. ‍Jahrestag ‍der ‍nationalsozialistischen ‍Bücherverbrennung. ‍Die ‍Veranstaltung ‍des ‍Verbandes ‍deutscher ‍Schriftsteller ‍ver.di ‍(Bezirk ‍Kreis ‍Kiel-Plön) ‍fand ‍am ‍Donnerstag, ‍10. ‍Mai ‍2018, ‍im ‍Literaturhaus ‍Schleswig-Holstein, ‍Kiel, ‍statt.

‍Als ‍ich ‍letzten ‍Sommer, ‍im ‍Juni ‍2017 ‍das ‍Wiener ‍Literaturmuseum ‍im ‍Grillparzerhaus ‍besuchte, ‍wurde ‍mir ‍klar, ‍wie ‍schlagartig ‍und ‍massiv-dramatisch ‍die ‍Situation ‍für ‍jüdische, ‍kommunistische ‍und ‍pazifistische ‍Literaten ‍unmittelbar ‍ab ‍dem ‍März ‍1938 ‍nach ‍dem ‍Anschluss ‍Österreichs ‍an ‍Deutschland, ‍speziell ‍in ‍Wien ‍wurde ‍und ‍wie ‍sehr ‍damit ‍die ‍Nationalsozialisten ‍der ‍Kaffeehauskultur ‍ein ‍brutales ‍Ende ‍bereitet ‍haben. ‍Wenn ‍man ‍die ‍Hälfte ‍eines ‍Literaturkreises ‍verfolgt, ‍inhaftiert ‍und ‍oder ‍mit ‍Schreibverbot ‍belegt ‍und ‍zur ‍Emigration ‍nötigt, ‍wer ‍und ‍was ‍bleibt ‍dann ‍noch? ‍Und ‍wie ‍sollen ‍dann ‍die ‍anderen ‍weitermachen ‍mit ‍den ‍Treffen, ‍dem ‍Kaffeetrinken, ‍dem ‍Schreiben ‍und ‍dem ‍Aufführen ‍von ‍Kabarett ‍und ‍Theaterstücken, ‍mit ‍freier ‍Meinungsäußerung ‍und ‍dem ‍Beeinflussen ‍der ‍Zeitläufe? ‍Angesichts ‍dieser ‍dramatischen ‍Situation ‍fiel ‍es ‍mir ‍sehr ‍schwer, ‍einen ‍Schriftsteller ‍oder ‍eine ‍Schriftstellerin ‍auszuwählen. ‍Zumal ‍sie ‍fast ‍alle ‍miteinander ‍bekannt ‍oder ‍gar ‍befreundet ‍waren ‍und ‍1938 ‍und ‍die ‍folgenden ‍Jahre ‍als ‍private ‍und ‍kollektive ‍Bedrohung ‍erleben ‍mussten.

‍Sehr ‍viele ‍Wiener ‍Schriftsteller, ‍Musiker, ‍Journalisten, ‍Verlegern ‍und ‍Lektoren ‍emigrierten ‍nach ‍Amerika, ‍England, ‍Australien ‍und ‍China, ‍manche ‍von ‍Ihnen ‍mussten ‍in ‍Shanghai ‍hungern ‍oder ‍sich ‍als ‍Arbeiter ‍in ‍einer ‍Brotfabrik ‍durchschlagen, ‍wie ‍der ‍Jazzmusiker ‍Friedrich ‍Szato. ‍Alleine ‍1500 ‍Menschen ‍nur ‍aus ‍Wien ‍lebten ‍im ‍Shanghaier ‍Ghetto... ‍Doch ‍manche, ‍die ‍sich ‍nicht ‍gleich ‍im ‍Jahr ‍1938 ‍entschließen ‍konnten, ‍erhielten ‍von ‍1939 ‍an ‍nur ‍noch ‍Absagen ‍der ‍Konsulate ‍und ‍wurden ‍wie ‍die ‍Schriftstellerin ‍Alma ‍Johann ‍König ‍deportiert. ‍Das ‍Absageschreiben ‍an ‍Frau ‍König ‍ist ‍erhalten ‍und ‍hängt ‍erstaunlich ‍gegenwärtig ‍im ‍Literaturmuseum, ‍sie ‍selbst ‍wurde ‍im ‍KZ ‍umgebracht.

‍Vorstellen ‍werde ‍ich ‍nun ‍den ‍Schriftsteller, ‍Journalisten ‍und ‍Kabarettisten ‍Egon ‍Friedell.

‍Friedell ‍wurde ‍1878 ‍als ‍Egon ‍Friedmann ‍in ‍Wien ‍in ‍eine ‍jüdische ‍Familie ‍geboren, ‍er ‍studierte ‍in ‍Berlin ‍und ‍Heidelberg ‍Germanistik, ‍Naturwissenschaften ‍und ‍Philosophie ‍und ‍tat ‍sich ‍damit ‍sogar ‍schwer. ‍Sein ‍Abitur ‍schaffte ‍er ‍erst ‍im ‍vierten ‍Anlauf ‍mit ‍21 ‍und ‍seine ‍Promotion ‍über ‍Novalis ‍erst ‍im ‍zweiten ‍Anlauf. ‍Er ‍konvertierte ‍vom ‍Judentum ‍zum ‍evangelischen ‍Christentum. ‍Er ‍gehörte ‍zum ‍Literatenkreis ‍im ‍Café ‍Central, ‍war ‍journalistisch ‍und ‍als ‍Kabarettist ‍sehr ‍aktiv, ‍war ‍Schauspieler ‍in ‍Karl-Kraus-Stücken ‍und ‍Mitbegründer ‍des ‍»Intimen ‍Theater« ‍in ‍der ‍Praterstraße. ‍Ab ‍1914 ‍hatte ‍er ‍Probleme ‍mit ‍starkem ‍Alkoholkonsum ‍und ‍Übergewicht. ‍Wegen ‍seiner ‍adipösen ‍Erscheinung ‍hatte ‍er ‍den ‍Spitznamen ‍»Mastodon«. ‍Im ‍Ersten ‍Weltkrieg ‍wurde ‍der ‍Kriegsfreiwille ‍Friedell ‍abgelehnt.

‍Er ‍äußerte ‍sich ‍früh ‍kritisch ‍gegen ‍die ‍Nazis, ‍seine ‍Kulturgeschichte ‍der ‍Neuzeit ‍ein ‍Sachbuch, ‍ein ‍Geschichtswerk, ‍das ‍heute ‍noch ‍gelesen ‍wird ‍und ‍anerkannt ‍ist, ‍schließlich ‍all ‍seine ‍Werke ‍wurden ‍1937 ‍beschlagnahmt, ‍und ‍1938 ‍verboten. ‍Besonders ‍seine ‍fünfbändige, ‍noch ‍nicht ‍abgeschlossene ‍Kulturgeschichte ‍war ‍den ‍Nazis ‍ein ‍Dorn ‍im ‍Auge, ‍denn ‍sie ‍galt ‍nicht ‍vereinbar ‍mit ‍ihrer ‍Geschichtsschreibung ‍der ‍NSDAP.

‍Am ‍11. ‍März ‍1938, ‍einen ‍Tag ‍vor ‍dem ‍österreichischen ‍Anschluss ‍schrieb ‍er ‍an ‍seinen ‍Freund ‍Ödön ‍von ‍Horváth ‍»Ich ‍bin ‍in ‍jeglicher ‍Hinsicht ‍immer ‍reisebereit.« ‍Am ‍16. ‍März ‍klingelten ‍zwei ‍SA-Leute ‍kurz ‍vor ‍22 ‍Uhr ‍an ‍seiner ‍Wohnung ‍in ‍Wien ‍Währing ‍in ‍der ‍Gentzgasse ‍7. ‍Noch ‍während ‍seine ‍Haushälterin ‍sich ‍mit ‍den ‍SA-Männern ‍unterhielt, ‍stürzte ‍sich ‍der ‍mit ‍einem ‍Morgenrock ‍bekleidete ‍Friedell ‍aus ‍einem ‍seiner ‍Fenster ‍im ‍dritten ‍Stock ‍in ‍den ‍Tod. ‍Damit ‍niemand ‍sonst ‍zu ‍Schaden ‍kam, ‍rief ‍er ‍den ‍Passanten ‍unten ‍auf ‍der ‍Straße ‍noch ‍zu: ‍»Treten ‍Sie ‍zur ‍Seite!«. ‍Seine ‍Befürchtung ‍und ‍sein ‍Selbstmord ‍waren ‍in ‍keiner ‍Weise ‍unbegründet, ‍denn ‍der ‍Lyriker ‍Hermann ‍Broch ‍war ‍ja ‍13. ‍März, ‍also ‍erst ‍drei ‍Tage ‍zuvor ‍von ‍selbsternannten ‍Ordnungskräften ‍ins ‍Bezirks-Gefängnis ‍Bad ‍Aussee ‍verschleppt ‍worden ‍und ‍bis ‍dato ‍noch ‍nicht ‍entlassen. ‍Friedell ‍musste ‍also ‍zwangsläufig ‍mit ‍dem ‍Schlimmsten ‍rechnen.

‍Übrigens: ‍Hermann ‍Broch ‍gelang ‍bald ‍darauf ‍unter ‍anderem ‍mit ‍Hilfe ‍von ‍Albert ‍Einstein ‍das ‍amerikanische ‍Exil. ‍Der ‍Freund ‍Ödön ‍von ‍Horváth, ‍der ‍schon ‍monatelang ‍um ‍sein ‍Ende ‍fürchtete, ‍wurde ‍am ‍1. ‍Juni ‍1938 ‍in ‍Paris ‍von ‍einem ‍herabfallenden ‍Ast ‍erschlagen.

‍Als ‍ob ‍auch ‍Friedell ‍sein ‍Ende ‍geahnt ‍hatte; ‍es ‍ist ‍belegt, ‍dass ‍er ‍kurz ‍zuvor ‍noch ‍etliche ‍Briefe, ‍Dokumente ‍und ‍Manuskripte ‍vernichtete.

‍Ich ‍lese ‍nun ‍aus ‍»Rückkehr ‍der ‍Zeitmaschine« ‍aus ‍Friedells ‍Nachlass. ‍Das ‍Werk ‍erschien ‍erstmal ‍1946 ‍im ‍Münchener ‍Piper ‍Verlag. ‍Ich ‍lese ‍das ‍9. ‍und ‍10. ‍Kapitel. ‍Das ‍Manuskript ‍verfasste ‍er ‍als ‍Antwort ‍auf ‍Herbert ‍George ‍Wells ‍»Die ‍Zeitmaschine«. ‍Die ‍phantastische ‍Novelle ‍stellt ‍einen ‍fiktiven ‍Briefwechsel ‍zwischen ‍Friedell, ‍Wells, ‍dessen ‍Sekretärin, ‍einem ‍britischen ‍Journalisten ‍und ‍dem ‍Zeitreisenden ‍dar. ‍Die ‍konkrete ‍Situation ‍vor ‍dem ‍9. ‍Kapitel ‍ist, ‍dass ‍der ‍Zeitreisende ‍Mr. ‍Morton ‍mit ‍der ‍Zeitmaschine ‍in ‍der ‍Zukunft ‍war ‍und ‍bei ‍der ‍Rückkehr ‍mit ‍zu ‍hoher ‍Geschwindigkeit ‍einige ‍Wochen ‍zu ‍weit ‍in ‍die ‍eigenen ‍Vergangenheit ‍fährt, ‍seine ‍Maschine ‍explodiert ‍und ‍er ‍landet ‍einige ‍Wochen ‍vor ‍dem ‍Bau ‍der ‍Zeitmaschine. ‍Darum ‍glaubt ‍er ‍für ‍immer ‍in ‍einem ‍Zeitvakuum ‍gefangen ‍zu ‍sein, ‍denn ‍ohne ‍die ‍Maschine ‍kann ‍er ‍nicht ‍zum ‍verabredeten ‍Tag, ‍dem ‍7. ‍Mai ‍zurücksein.

‍Es ‍folgte ‍die ‍Lesung ‍aus ‍Egon ‍Friedells ‍Buch ‍DIE ‍RÜCKKEHR ‍DER ‍ZEITMASCHINE. ‍Das ‍Buch ‍ist ‍als ‍E-Book ‍im ‍Kindle-Format ‍gratis ‍erhältlich:

‍Egon ‍Friedell: ‍Die ‍Rückkehr ‍der ‍Zeitmaschine.

‍ Ilona ‍Wang-Richter


‍Emma ‍Truberg-Knaudt: ‍Die ‍Professorskinder

‍Erzählung, ‍1914, ‍antiquarisch ‍erhältlich ‍z.B. ‍in ‍der ‍neunten ‍Auflage, ‍1925, ‍Verlag ‍Friedrich ‍Bahn

‍Das ‍Buch ‍nennt ‍sich ‍bescheiden ‍Erzählung, ‍ist ‍aber ‍aus ‍heutiger ‍Sicht ‍ein ‍kaiserzeitlicher ‍Roman ‍für ‍Kinder ‍und ‍Jugendliche, ‍lohnend ‍inzwischen ‍auch ‍für ‍erwachsene ‍Leser ‍als ‍beeindruckendes ‍Zeugnis ‍seiner ‍Zeit.

‍Inhalt: ‍Dem ‍Kieler ‍Kinderarzt ‍Geheimrat ‍Professor ‍Doktor ‍Richard ‍Brückner ‍und ‍seinen ‍acht ‍Kindern ‍ist ‍die ‍Frau ‍und ‍Mutter ‍gestorben. ‍Die ‍steife ‍Gouvernante ‍Frau ‍Dehn ‍kann ‍die ‍traurige ‍Lücke ‍nicht ‍füllen. ‍Die ‍temperamentvollen ‍Kinder ‍leben ‍in ‍einem ‍Wechselbad ‍aus ‍kaiserzeitlicher ‍Strenge, ‍Verhätschelung, ‍Wohlstand ‍und ‍Kargheit ‍und ‍starten ‍jeden ‍Tag ‍aufs ‍Neue ‍Experimente, ‍wie ‍sie ‍sich ‍gegenseitig ‍ausspielen, ‍verpfeifen, ‍wieder ‍retten, ‍heimlich ‍rauchen, ‍unter ‍Hafenarbeiter ‍und ‍Matrosen ‍mischen ‍oder ‍zu ‍verbotenen ‍Bootspartien ‍aufs ‍Wasser ‍begeben ‍können. ‍Die ‍neue ‍Stiefmutter ‍kann ‍die ‍Horde ‍auch ‍nicht ‍gleich ‍bändigen. ‍Umgesetzte ‍oder ‍angedrohte ‍Verbannungen ‍in ‍Internate ‍und ‍Jugend- ‍und ‍Besserungsanstalten ‍wie ‍»Das ‍Raue ‍Haus« ‍in ‍Hamburg, ‍eine ‍Seenot, ‍ein ‍zusätzliches ‍Pflegekind ‍und ‍zwei ‍neue ‍Geschwister ‍sind ‍eine ‍Probe ‍für ‍die ‍Belastbarkeit ‍der ‍Familie. ‍Nachteil: ‍Die ‍Autorin ‍schreibt ‍in ‍keinem ‍sehr ‍flüssigen ‍Stil, ‍auch ‍von ‍Kapitel ‍zu ‍Kapitel ‍nicht ‍homogen. ‍Einige ‍Kapitel ‍wirken ‍stilistisch ‍unbeholfen ‍und ‍sind ‍in ‍teils ‍steifer, ‍unspezifischer, ‍wenig ‍bildreicher ‍Konventionalsprache ‍verfasst, ‍können ‍nicht ‍mithalten ‍mit ‍dem ‍Stil ‍zeitgenössischer ‍Jugendbuchautorinnen ‍wie ‍etwa ‍Berta ‍Clément; ‍in ‍anderen ‍Kapiteln ‍schreibt ‍sie ‍wiederum ‍lebendiger. ‍Nach ‍heutigem ‍Anspruch ‍wäre ‍ein ‍gründlicheres ‍Lektorat ‍nötig ‍gewesen. ‍Vorteil: ‍Doch ‍der ‍Plot ‍ist ‍gut, ‍charmant, ‍spannend, ‍die ‍Charaktere ‍interessant ‍und ‍voll ‍entwickelt ‍und ‍die ‍Dialoge ‍lebhaft. ‍Die ‍Lektüre ‍lohnt ‍extrem ‍für ‍Geschichtsinteressierte, ‍Interessierte ‍an ‍sozialen ‍Verhältnissen, ‍Sprachentwicklung ‍und ‍für ‍Liebhaber ‍von ‍Kieler ‍Schauplätzen ‍und ‍Kieler ‍Stadtgeschichte. ‍Das ‍Buch ‍basiert ‍auf ‍teilweise ‍wahren ‍Begebenheiten. ‍Die ‍erwähnte ‍Kinderklinik ‍ist ‍das ‍1906 ‍gegründete ‍Heinrich-Kinderhospital ‍am ‍Kieler ‍Lorenzendamm ‍10 ‍mit ‍einem ‍angrenzenden ‍Krankenhof ‍(Garten) ‍und ‍benachbarten ‍Kliniken. ‍Im ‍Gegensatz ‍zu ‍sonst ‍oft ‍trockenen ‍Archivdaten ‍lernt ‍man ‍etliches ‍über ‍die ‍Kaiserzeit ‍aus ‍diesem ‍authentischen ‍zeitgenössischen ‍Buch. ‍Hier ‍einige ‍Beispiele:

‍- ‍Wein, ‍speziell ‍Portwein, ‍galt ‍als ‍medizinisch ‍wirkvolles ‍Lebensmitteln ‍und ‍wurde ‍teils ‍nach ‍Schock ‍und ‍zur ‍Stärkung ‍auch ‍Kindern ‍verabreicht.

‍- ‍Kinder, ‍mit ‍denen ‍die ‍Eltern ‍nicht ‍gut ‍klar ‍kamen, ‍wurden ‍gerne ‍zu ‍Verwandten ‍oder ‍in ‍Pensionate ‍oder ‍in ‍Besserungsanstalten ‍gegeben.

‍- ‍In ‍den ‍Schulen ‍gab ‍es ‍keine ‍Elternabende, ‍selbst ‍nach ‍Zeugnissen ‍oder ‍ersthaften ‍Zwischenfällen ‍waren ‍Gespräche ‍zwischen ‍Lehrern ‍und ‍Eltern ‍eher ‍unüblich. ‍Die ‍Lehrer ‍hatten ‍die ‍alleinige ‍Entscheidungshoheit ‍über ‍Zensuren, ‍Versetzung, ‍Strafen ‍etc. ‍Auch ‍vermeintlichen ‍Ungerechtigkeiten ‍in ‍der ‍Schule ‍wurde ‍nicht ‍nachgegangen, ‍sie ‍wurden ‍nicht ‍einmal ‍als ‍Ungerechtigkeit ‍in ‍Erwägung ‍gezogen. ‍- ‍Dampferfahrten ‍und ‍kleine, ‍einfache ‍Speisen ‍wie ‍Milch ‍und ‍»Butterbröte« ‍in ‍Restaurants ‍waren ‍derart ‍preiswert, ‍dass ‍selbst ‍(bürgerliche) ‍Kinder, ‍sie ‍von ‍kleinsten ‍Taschengeldbeträgen ‍zahlen ‍konnten. ‍(Bestätigt ‍auch ‍aus ‍anderen ‍Quellen ‍der ‍Zeit)

‍- ‍In ‍größeren ‍Haushalten ‍wurde ‍zu ‍den ‍Familienessen ‍mit ‍einem ‍Gong ‍oder ‍einem ‍Tamtam ‍zu ‍Tisch ‍gerufen.

‍- ‍»All ‍people ‍on ‍Bord«, ‍und ‍andere ‍seemännische ‍Kommandos ‍werden ‍gerne ‍auf ‍Englisch ‍und ‍in ‍lateinischer ‍Druckschrift, ‍im ‍sonst ‍in ‍altdeutscher ‍Schrift ‍gedruckten ‍Text ‍wiedergegeben ‍und ‍zeigt ‍die ‍damalige ‍europäische ‍Vorreiterstellung ‍der ‍Briten ‍in ‍Seefahrt ‍und ‍Schiffsbau ‍(auch ‍in ‍anderen ‍Quellen ‍der ‍Zeit ‍zu ‍finden).

‍Sprachliche ‍Funde: ‍Butterbröte, ‍Badeörter, ‍Mosjö ‍(für ‍Monsieur), ‍Dämelack, ‍du ‍schwögst ‍(schwögen, ‍die ‍Schwögerei ‍= ‍seufzen, ‍bestürzt ‍sein, ‍kläglich ‍oder ‍weitschweifig, ‍wortreich ‍reden, ‍teils ‍auch ‍übertreiben; ‍ein ‍inzwischen ‍verschwundenes ‍Wort), ‍Heda! ‍(Ausruf, ‍in ‍einem ‍Wort), ‍beliebtestes ‍Neckwort ‍unter ‍den ‍Kindern ‍der ‍Handlung: ‍»Schafskopf!«, ‍Fazit: ‍Ein ‍Buch, ‍auf ‍das ‍ich ‍über ‍meine ‍Schwiegermutter ‍kam ‍(es ‍war ‍ihr ‍liebstes ‍Buch ‍in ‍ihrer ‍Kindheit, ‍noch ‍in ‍den ‍dreißiger ‍Jahren). ‍Das ‍Lesen ‍hat ‍sich ‍mehr ‍gelohnt, ‍als ‍ich ‍zu ‍hoffen ‍wagte. ‍Der ‍Einblick, ‍den ‍man ‍in ‍die ‍Kaiserzeit ‍der ‍1910 ‍er ‍Jahre ‍erhält, ‍ist ‍ein ‍fast ‍unheimlich ‍gestochen ‍scharfer. ‍Es ‍ist ‍wie ‍eine ‍Reise ‍mit ‍einer ‍Zeitmaschine. ‍Kein ‍Wunder, ‍denn ‍es ‍ist ‍ja ‍kein ‍historisierender ‍Roman ‍der ‍Jetztzeit, ‍sondern ‍ein ‍authentischer ‍Roman, ‍geschrieben ‍1914.

‍Ilona ‍Wang-Richter


‍Annie ‍Proulx: ‍Schiffsmeldungen

‍Roman ‍1993, ‍Deutsche ‍Erstausgabe ‍1995

‍Schiffsmeldungen ‍beschreibt ‍die ‍Selbstfindung ‍eines ‍Menschen, ‍ein ‍Coming-out-of-character. ‍Hässlich, ‍unsicher, ‍zu ‍dick ‍– ‍so ‍sieht ‍sich ‍Quoyle. ‍Auch ‍liegen ‍nur ‍Katastrophen ‍hinter ‍ihm. ‍Mit ‍seiner ‍alten ‍Tante ‍und ‍seinen ‍zwei ‍kleinen ‍Töchtern ‍wagt ‍er ‍einen ‍Neuanfang ‍in ‍Neufundland ‍(Kanada), ‍wo ‍auch ‍seine ‍familiären ‍Wurzeln ‍sind. ‍Seine ‍Vorfahren ‍waren ‍Verbrecher, ‍Gauner, ‍Piraten, ‍doch ‍Quoyle ‍selbst ‍ist ‍eine ‍ehrliche ‍Haut. ‍Mit ‍Hilfe ‍von ‍Ortsbewohnern ‍macht ‍er ‍das ‍seit ‍Jahrzehnten ‍leerstehende ‍und ‍verwitterte ‍Quoyle-Familienhaus ‍wieder ‍flott. ‍Arbeit ‍findet ‍er ‍im ‍Lokalblatt ‍»Gammy ‍Bird«, ‍ausgerechnet ‍als ‍Journalist ‍im ‍Ressort ‍Verkehrsunfälle ‍und ‍Schiffsmeldungen, ‍gerade ‍er, ‍der ‍nachts ‍Alpträume ‍von ‍Autounfällen ‍sowie ‍panische ‍Angst ‍vor ‍dem ‍Wasser ‍hat.

‍Gefallen ‍hat ‍mir:

‍Die ‍starken ‍Charaktere, ‍das ‍neufundländische, ‍raue ‍Lokalkolorit, ‍die ‍Beschreibung ‍von ‍schroffen ‍Landschaften ‍und ‍besonderen ‍Beleuchtungen, ‍von ‍Zeitläufen, ‍sozialen ‍und ‍wirtschaftlichen ‍Verhältnissen ‍und ‍Natur-Phänomenen ‍machen ‍aus ‍dem ‍Buch ‍ein ‍Lesevergnügen. ‍Beispiel: ‍»Bringt ‍man ‍eine ‍Pendeluhr ‍vom ‍Äquator ‍in ‍ein ‍nördliches ‍Land, ‍geht ‍sie ‍vor. ‍Arktische ‍Flüsse ‍schneiden ‍ihre ‍rechten ‍Ufer ‍tiefer ‍ein, ‍und ‍in ‍nördlichen ‍Wälder ‍verirrte ‍Jäger ‍steuern ‍unbewusst ‍nach ‍rechts ‍...« ‍Am ‍besten ‍ist ‍der ‍Roman ‍an ‍den ‍Stellen, ‍an ‍denen ‍die ‍Autorin ‍ihre ‍Charaktere ‍frei ‍und ‍in ‍wörtlicher ‍Rede ‍sprechen ‍lässt. ‍Dann ‍entstehen ‍bunte ‍Bilderströme ‍durch ‍Zeiten ‍und ‍Gezeiten, ‍voller ‍drastischer ‍Umbrüche, ‍voller ‍Emotionen, ‍aber ‍auch ‍Poesie. ‍Sehr ‍abwechslungsreich ‍ist, ‍dass ‍jedes ‍Kapitel ‍des ‍Romans ‍mit ‍einem ‍Auszug ‍aus ‍dem ‍Ashley-Buch ‍der ‍Knoten ‍oder ‍dem ‍Seemannslexikon ‍beginnt. ‍Z.B. ‍»Eine ‍Leine ‍für ‍einen ‍großen ‍Hund ‍mit ‍Reitpeitschenschnürung. ‍Nimm ‍vier ‍lange ‍Lederstreifen ‍in ‍der ‍Größe ‍von ‍Schuhriemen ‍auf ‍Mitte ‍und ‍bilde ‍die ‍Handgelenkschlaufe ‍entweder ‍mit ‍einer ‍Vierstrang-Vierkant ‍oder ‍Französischen ‍Platting ‍.... ‍Noch ‍charmanter ‍ist, ‍dass ‍Quoyle, ‍die ‍Angewohnheit ‍hat, ‍auch ‍die ‍Ängste ‍und ‍Befürchtungen ‍seines ‍Privatlebens ‍im ‍Geiste ‍in ‍Zeitungs-Schlagzeilen ‍zu ‍formulieren ‍(in ‍Versalien). ‍Zum ‍Beispiel: ‍AUTO ‍FÄLLT ‍AUF ‍ABGELEGENEN ‍ZIEGENPFAD ‍AUSEINANDER.

‍Nicht ‍so ‍gut ‍gefallen ‍hat ‍mir:

‍Bei ‍ihren ‍bildhaften ‍Vergleichen ‍geht ‍es ‍manchmal ‍mit ‍der ‍Autorin ‍durch. ‍Oft ‍sind ‍die ‍Vergleiche ‍weit ‍hergeholt ‍und ‍abstrakt. ‍Das ‍wirkt ‍oft ‍künstlich, ‍zuweilen ‍unfreiwillig ‍komisch, ‍baut ‍gelegentlich ‍Distanz ‍zum ‍Text ‍auf. ‍Beispiel: ‍»Ihre ‍Hände ‍glichen ‍geschweißten ‍Schöpfkellen«, ‍»Ein ‍Gesicht ‍wie ‍von ‍einer ‍Gabel ‍durchfurchter ‍Hüttenkäse... ‍Die ‍Wand ‍hinter ‍ihm ‍mit ‍Öltuch ‍von ‍der ‍Farbe ‍von ‍Insektenflügeln ‍bespannt. ‍Sein ‍Gesicht: ‍Holz ‍mit ‍fächerförmig ‍eingekerbten ‍Linien ‍... ‍Haar ‍von ‍der ‍Farbe ‍einer ‍alten ‍Taschenuhr.«

‍Fazit: ‍Alles ‍in ‍allem ‍ein ‍beeindruckender ‍Entwicklungsroman, ‍der ‍Lust ‍macht, ‍mehr ‍von ‍der ‍Autorin ‍zu ‍lesen ‍oder ‍gar ‍nach ‍Neufundland ‍zu ‍reisen ‍(mit ‍dem ‍Schiff ‍natürlich). ‍Vielleicht ‍wird ‍irgendwann ‍auch ‍Deine ‍Ankunft ‍im ‍»Gammy ‍Bird« ‍erwähnt ‍werden.

‍Henning ‍Richter




‍Rollenportrait ‍des ‍Schriftstellers ‍und ‍Kabarettisten ‍Friedell, ‍Fotograph ‍anonym