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Schreiben und  Leben

Kleine philosophische Spinnerei

Was war zuerst da? Das Ei oder das Huhn?

Was war zuerst da, das Leben oder das Schreiben?

Jetzt noch mal der Reihe nach: Zur ersten Frage spricht einiges für die Antwort: das Ei. Denn das Leben hat sich aus dem Wasser entwickelt und bevor es hühnerartige Saurier gab, gab es ja schon Eier legende Fische, als weitläufige Vorfahren der hühnerartigen Saurier und der jetzigen Hühner (alles betrachtet im Sinne der Evolutionstheorie). Nun zur zweiten Frage: Was war zuerst da? Das Leben oder das Schreiben? Wie bitte? Man muss doch erst mal leben und dann kann man erst schreiben!? Nein, ich habe da eine andere Idee: Wenn wir davon ausgehen, das Schreiben so etwas ist, wie das Eintauchen in einen nicht nur jetzigen und individuellen Bewusstseinsstrom, nicht nur eine individuelle Art, ein individuelles Bewusstsein zu äußern, sondern ein Eintauchen und Äußern eines über das Individuelle hinausgehenden Bewusstseins, und wenn wir sagen, dass eventuell Wiedergeburten möglich sein könnten, dann kann ich wohl behaupten: Mein Schreiben ist älter als mein jetziges Leben als XYZ, denn mein Geist ist älter und umfassender als mein derzeitiges Leben als XYZ. Und genau dies macht das Schreiben noch faszinierenderer, als es ohnehin schon ist. Insofern hat Schreiben ein ungeheures Potenzial. Insofern kann man Schreiben auch als etwas Heiliges betrachten. Und insofern ist es nicht verwunderlich, dass tibetische Mönche Schreibutensilien, Schreibmaschinen und Computer als etwas Heiliges ansehen. Schreibgeräte können zwar leider auch für Schlechtes missbraucht werden, aber immer gibt es die Chance, dass Wahres und Weises darauf geschrieben und verbreitet wird.

Mein Fazit: Das Leben an sich ist wohl älter als das Schreiben, doch mein Schreiben ist älter als mein derzeitiges Leben.

Ilona Wang-Richter


Schreiben und Reisen

Im Juni 2017 habe ich mit meinem Mann Henning eine fast dreiwöchige Städtereise durch acht Städte unternommen. Regensburg, Erlangen, Nürnberg, Wien, München, Tübingen, Heidelberg, Mannheim. Und das waren unsere eigenen Vorgaben dafür: Umweltfreundlich nur mit der Bahn, auch wenn es teurer ist, als Fliegen, etliche Verwandte und Freunde besuchen, auf den Spuren von Literatur, bildender Kunst und Film wandeln, unterwegs emen sammeln und schreiben, mit leichtem Gepäck reisen, fast keine Souvenirs kaufen, möglichst wenig Bücher (auch wenn es schwer fällt).

Um das mit dem leichten Gepäck zu schffen, haben wir einen guten Trick ausgedacht: Nur problemlos waschbare Kleidung (in diesem Fall im Grün-Blau-Spektrum) anziehen und einpacken und auf der Hälfte der Reise in Wien Simmering fast alles in eine Waschsalon-Maschine schmeißen und im Reiseprogramm fortfahren. Noch vor der Reise fragte ich mich, ob ich mit nur einem mittelgroßen Koffer und einer kleinen Umhängetasche auskommen werde. Ergebnis nach knapp drei Wochen: Ja, es reicht. Mit diesem Gepäck hätte ich noch Wochen und Monate weitereisen können. Immer nur mit exakt diesem Gepäck und immer nur in Hotelzimmern wohnend, ohne etwas oder überhaupt ein Zuhause zu vermissen. Zwei Paar sehr bequeme Schuhe für unsere gewaltigen Fußmärsche, Kleidung für brandheißes und für nasses Wetter, Waschbeutel, Hefte, Stifte, kleine Picknickausrüstung inclusive Messer und Flaschenöffner, um nicht immer auf Restaurants angewiesen zu sein. Mehr brauchte es nicht. Das war eine schöne, befreiende Erfahrung. So oft hatte ich von Schriftstellern gelesen, die über Monate oder Jahre, oft ohne festen Wohnsitz durch Europa tourten. So z. B. Ernest und Hadley Hemingway, Zelda und F. Scott Fitzgerald. Dies war unser eigener Testdurchlauf mit dem Ergebnis: Ja, wir könnten das auch. In Wien hielten wir uns eine Woche auf. Dort fragte ich mich: Wenn wir hier etliche Monate blieben, was würdest du dann arbeiten? Meine spontane Antwort: Auf Straßen, Plätzen und in Cafés für Passanten und Touristen Geschichten und Gedichte tippen. Und eine Stadtführung ausarbeiten und anbieten: Wiens Kaffeehausliteraten von Altmann bis Zweig. – Denn tatsächlich, wenn auch erstaunlich: Wir konnten keine umfassende Führung dieser Art entdecken, waren aber selbst über die Jahre schon thematisch beleckt. Und schließlich war Stadtrundgangsleiterin einmal mein erster Job gewesen.

Höhepunkte unserer Reise waren übrigens in alten Wiener Cafés zu schreiben, der Besuch der Besuch des Wiener Literaturmuseums im Grillparzerhaus und im privaten Schreibmaschinenmuseum von Herrn Waldbauer, was aus Alters- und Gesundheitsgründen des Eigners der einzigartigen Sammlung nur nach individueller Anfrage und nur wenigen möglich ist.

Am Ende der Reise konnte ich noch im Zug von Mannheim nach Kiel ein positives Resümee ziehen. Wir hatten es sogar geschafft unterwegs nur eine Spieluhr mit dem Anton-Karas-Thema aus dem Film »Der dritte Mann« und nur drei Bücher zu kaufen, hatten festgestellt, dass man überall schreiben kann, dass es aber zu viel Hektik, zu viel Plastik und zu viel Abgase in allen besuchten Städten gibt und dass es deutlich mehr Up-Cycling-Läden und vegane Hotels geben sollte. – Auch dass die Gesellschaft in Deutschland und in Österreich ihrer eigenen rasenden Entwicklungsdynamik hinterherzuhinken scheint – ABER: Dass Schreiben eine gute Möglichkeit ist, die eigene mögliche Rolle in dem ganzen Welt-Wandel-Wahnsinn auszuloten und neue-alte-neue Ideen und Impulse hervorzubringen.

Ilona Wang-Richter


Walt Whitman, Bill Murray und das Ehegattensplitting

Alles hat bekanntlich einen Einfluss auf alles. Denn wir leben nun mal alle gemeinsam mit den von uns hervorgebrachten Dingen und Ideen auf einer überlaufenen, empfindlichen Erde.

Am Freitag, dem 8. September 2017 gab es in Hamburg etwas Besonderes zu sehen, zu hören und zu erleben. Der US-amerikanische Schauspieler Bill Murray rezitierte und sang gemeinsam mit einem Streichertrio aus amerikanischer Literatur, Liedern und Musicals. Auf dem Programm standen unter anderem Auszüge aus Werken von Walt Whitman, Mark Twain und Ernest Hemingway. Und das an einem Tag, an dem mein Mann und ich ohnehin in Hamburg sein würden. Termin: 20 Uhr in der Elbphilharmonie.

Filme unserer Jugend wie „Ewig grüßt das Murmeltier“ und „Ghostbusters“ oder spätere Werke wie „Broken Flowers“ hatten unsere Zuneigung zu Bill Murray gestärkt, Streichertrios sind für uns fast immer eine gute Sache, die Elbphilharmonie hatten wir noch nicht von innen gesehen, geschweige denn die legendäre Akustik je gehört, aber erst recht die amerikanischen Literaturklassiker bewirkten, dass wir mit gutem Gewissen sagen konnten: Ja, wir sind die Ziel- gruppe für diese Veranstaltung namens „New Worlds«. Da hingehen wäre was für uns. Ein Blick auf ein Ticket-Verkaufs-Portal zeigte uns Karten für 52 Euro pro Person. Wir zögerten noch. Bei einem zweiten Blick waren nur noch Karten für 78 Euro pro Nase zu haben. Wir zögerten. End- lich wären wir zähneknirschend und im Bewusstsein, ungewöhnlich ausgabenfreudig zu sein, dazu bereit gewesen. Ein paar weitere Klicks auf der Seite offenbarten ungeahnte Zusatzkosten: Mehrwertsteuer, Vorverkaufsgebühr (Buchungsgebühr) und Liefergebühr – und schon waren wir bei etwa 102 Euro pro Karte angelangt. Unter sorglosen Umständen hätten wir uns diese schwin- delerregende Ausgabe vielleicht einmalig gestattet, doch es sind keine sorglosen Zeiten. Wir stehen kurz vor der Bundestagswahl. Fast alle Parteien wollen das Ehegattensplitting abschaffen oder stark beschneiden. Am Ende steht ein Kompromiss – in Richtung starker Runterstufung ist zu befürchten. Ehegattensplitting? Was heißt das noch mal? Das ist die gemeinsame steuerliche Veranlagung eines besser und eines schlechter verdienenden Partners. Also im guten Fall eine Reduzierung der zu zahlenden Einkommenssteuer, im Sinne einer freiwilligen Gestaltung, wer wie viel arbeitet, und des Füreinandereinstehens. Die meisten der derzeitigen Parteien wollen das nun abschaffen. Jeder soll für sich selbst wirtschaften und möglichst Vollzeit arbeiten. Das ist das soziale Leitbild dahinter. Ein Leitbild, das man in Zeiten von Weniger-ist-mehr- und Slow-Down-Ansätzen und in Zeiten von drohender Digitalisierung und Robotisierung der Gesellschaft mit Wegfall von ganzen Berufsgruppen und -zweigen durchaus stark infrage stellen kann. Mein Mann arbeitet Vollzeit und ich als familienmitversicherte Frau geringfügig freiberuflich. Die Abschaffung oder der Beschnitt des Ehegattensplittings würden bei uns konkret wahlweise dazu führen, dass ich sehr viel mehr arbeiten müsste und mein Mann und ich uns dann wegen versetz- ter Arbeitszeiten kaum noch sehen würden, oder dass wir nur noch sehr wenig Geld zum Leben hätten. Angesichts der vor uns liegenden Bedrohung haben wir die Bill-Murray-Karten nicht gekauft. Ich weiß, dass derzeit sehr viele Menschen ähnliche Entscheidungen treffen: Einge- fleischte Rolling-Stones-Fans, die am 9.9 2017 nicht in den Hamburger Stadtpark strömten. Die Politiker bedenken bei all ihren Ideen und Forderungen nicht, welche verheerenden Auswirkungen wie Überlaufen des Arbeitsmarktes, noch kaufunfreudigere Bevölkerung, sowie der Beschnitt der Entscheidungsrechte der einzelnen Bürger über ihre Lebensgestaltung, das alles haben wird. Mit anderen Worten noch mehr panisches Gerangel und allgemeines Gegeize. Das eine ein menschliches, das nächste ein volkswirtschaftliches Desaster. Und so kommt es so weit, dass die viel zu teure Elbphilharmonie, die jetzt schon den sogenannt prekären Schichten versperrt ist, jetzt und bald auch den immer weiter wegbrechenden mittleren bürgerlichen Schichten versagt bleibt. Was droht: Immer mehr ungebuchte Plätze in einer sündhaft teuren Konzerthalle, die doch von Steuergeldern bezahlt und für alle da sein sollte. Nun könnte man sagen: Das ist auf hohem Niveau gejammert. Und dann sage ich: Stimmt. Vor einigen Jahren noch, als alleinerziehende Mutter und Geringstverdienerin, musste ich auf sehr viel niedrigem Niveau jammern, nun auf mittelhohem. Beides zu Recht, denn ich wünsche mir, dass niemand von guter Kultur ausgeschlossen wird. Dass Geringverdiener und Alleinerziehende schon lange ausgeschlossen sind, ist schlimm. Dass nun auch immer mehr aus ehemals mittleren Schichten ausgeschlossen sein werden, zeigt, wo unsere Gesellschaft steht, falls wir nicht noch etwas ändern.

Was taten mein Mann und ich am Ende? Wir nahmen den guten, alten, gelben Reclam-Band „Walt Whitman, Grashalme“ aus dem Regal und haben uns daraus vorgelesen – ohne Streichertrio und leider auch ohne Bill Murray.

Aber zum Glück erscheint bald die „New-Worlds“-CD, und die werden wir uns noch holen.

Ilona Wang-Richter