Retromethoden

Geschichten-Unikate

Eine alte Tradition neu entdeckt

Im Jahr 1990 schenkte ich meiner Schulfreundin Susanne eine Geschichte, geschrieben nur für sie, ohne Durchschlag, ohne Kopie, geschrieben mit brauner Tinte auf beigefarbenem Packpapier. Der Titel: Der „Barde Weidano". Diese Geschichte hatte ich längst vergessen, aber meine Freundin ist 27 Jahre später immer noch angetan davon. Ein voller Erfolg also. Offenbar hat das Schreiben von Unikat-Texten für andere als Geschenk oder als Auftragsarbeit lange Tradition, besonders beim Schreiben von Liebesgedichten für weniger lyrisch begabte Verliebte oder das Schreiben von Jubiläumsversen, Festtags- und Grabreden. Ist das ein ausgestorbenes Metier, das in Zeiten von Globalisierung, Technisierung und Massenpublikationen ausgestorben sind? Zum Glück nicht. Es könnte wieder auf dem Vormarsch sein und das finde ich sehr sympathisch. In New York gibt es einen Mann, der sich „Roving Typist" nennt und der auf den Straßen und im Central Park gegen Spenden Geschichten für Fremde tippt – auf einer mechanischen Schreibmaschine. Inzwischen bestreitet er einen Teil seines Lebensunterhaltes dadurch. Seine Geschichten sind 1 bis 2 Schreibmaschinenseiten lang, mit oder ohne Vorgaben der Kunden spontan verfasst. Hier ein kleiner Film über den Roving Typist. Mich brachte die nachhaltige Begeisterung meiner Schulfreundin über die verschenkte Geschichte und der Film über den Roving Typist auf die Idee, das auch zu versuchen. Im Kieler Rathaus holte ich mir eine Genehmigung für das Geschichtentippen auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Die Bedingung seitens der Stadt war, dass ich die Geschichte nicht verkaufe, sondern gegen Spenden abgebe. Im Sommer 2016 tippte ich auf einer Veranstaltung des Neuen Botanischen Gartens der Uni Kiel, „Pflanzen in Shakespeares Welt", auf meiner gelben Brother-Maschine Shakespeare-Verse und auch einige Neuübersetzungen, die ich von diesen gemacht hatte.